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Das Ernst-Reuter-Projekt

 

DAS ERNST-REUTER-PROJEKT

Eva Osberghaus

Unser Jahrbuch 2004 schmückt als Titelbild ein Porträt Ernst Reuters. Das Original hängt in der Pausenhalle im 2. Stock des E-Gebäudes, ist 150 x 180 cm groß und besteht aus 30 zusammengesetzten Leinwandbildern, mit Acrylfarbe gemalt. Dieses Bild ist das Ergebnis eines Unterrichtsprojekt, das Eva Osberghaus mit dem Leistungskurs Kunst 13 im letzten Schuljahr realisiert hat. In ihrem Artikel beschreibt sie das Projekt.

Ziel des Unterrichtsprojektes war es, verschiedene Gestaltungsmodi der Malerei in der eigenen praktischen Arbeit auszuprobieren. Diese bezogen sich auf Farbwerte und auf Techniken des Farbauftrags. Zugleich wollten viele Schüler gerne eine Gemeinschaftsarbeit erstellen. Also musste ein Bildmotiv gefunden werden, das für alle die Vorlage bilden und das jedem zugleich genug Freiraum im Finden einer eigenen Idee bieten sollte.
Die Wahl fiel auf ein Porträt von Ernst Reuter in Überlebensgröße, von dem jede Schülerin bzw. jeder Schüler nur einzelne Teile übernehmen sollte, so dass sich das Bild wie ein Puzzle zusammenfügt.

Bei Vorgesprächen über das Projekt zeigte ich den Schülern von mir selbst erstellte Farbproben in kleinem Format, wodurch klar werden sollte, welche vielfältigen Malweisen möglich sind. Die Schüler waren sofort Feuer und Flamme, ähnliches in Gemeinschaftsarbeit zu erstellen.

Das Porträt sollte nach dem Prinzip der Tontrennung gemalt werden. Bewusst wurde auf eine realistische Wiedergabe des Gesichts mit weichen Übergängen in der Helligkeit verzichtet zugunsten einer eher abstrahierten Form, bei der nur die wichtigsten Licht- und Schattenwerte zu sehen sind und z.T. hart aneinandergrenzen.
Es war zugleich ein Experiment zu der Fragestellung, wieweit ein Gesicht auf seine Helligkeitsflächen reduziert werden kann, um immer noch als solches erkannt zu werden. Dabei war es erstaunlich und für die Schüler eine neue Erfahrung, dass sich tatsächlich eine Zeichnung von nur noch zwei Tonstufen zu einem Gesicht mit dreidimensionaler Wirkung verdichten kann. Physiognomische Eigenarten, der Blick, sogar die emotionale Grundstimmung treten dadurch nur noch um so markanter hervor.

Zur Vorgehensweise:
Um den Kontrastwert der fotografischen Abbildung zu steigern und den Helligkeitsverlauf auf drei Tonstufen zu reduzieren, nahmen wir uns das Grafik-Programm Photoshop zu Hilfe.

Zeitgleich wurden dreißig weiße quadratische Papierbögen im Format 30 x 30 cm aneinander an die Wand des Kunstraumes befestigt, die aneinandergrenzend genau das Format des Gesamtbildes, nämlich fünf Papierbögen in der Breite mal sechs in der Länge ergaben.

Die zuvor per Computer bearbeitete Abbildung wurde auf OH-Folie ausgedruckt und in der
Zielgröße des Bildes (150 x 180 cm) an die Wand des Kunstraumes, genau auf die Papierbögen projiziert. Nun konnten ohne weitere Schwierigkeiten die Helligkeitsstufen auf der OH-Folie direkt auf dem Papier mit Kohle nachgezeichnet werden, eine Aufgabe, die bis zu drei Schülerinnen zugleich machen konnten, ohne sich gegenseitig zu behindern.
Jeder Schüler wählte nun willkürlich zwei bis drei Papierbögen, die nun als zeichnerische Vorskizzen im Originalformat des Bildes verwendet wurden mit einer genauen Angabe der Tonstufen und der Formen. Es konnte nun kaum noch zu Proportionsschwierigkeiten kommen.
Die malerische Arbeit fand nun auf einem anderen Bildträger statt: in stundenlanger Vorarbeit hatten die Schülerinnen und Schüler zuvor Leinstoff in gleiche Größen gerissen, auf selbst zusammenmontierten Keilrahmen aufgespannt und mit weißer Farbe grundiert.

Die kreative Freiheit in der Malerei lag nun einzig und allein in der Farbwahl, Flächenstruktur und in der Wahl des Pinselduktus. Um sich in diesen Bereichen von anderen abzuheben, musste man sich schon etwas einfallen lassen. Die Möglichkeiten wurden ausgereizt: von akribischer Pinselarbeit bis zum beherzten Greifen in pastose Farbmasse, vom Farbespritzen über den Auftrag mit dem Schwamm bis zum Farbestupsen, von streng geometrischen zu verschlängelten, vorher nie gekannten verrückten Farbspuren. So machten die Schülerinnen überraschende, oft beglückende und berauschende Erfahrungen mit Farbe, natürlich auch immer wieder gepaart mit Frust und Zweifel im raschen Wechsel.
Eine motivierende Wirkung hatte auch zwischendurch der Besuch von Edzard Reuter, der die Frage, ob er im noch nicht fertiggestellten Werk seinen Vater erkenne, schmunzelnd bejahte.

Beim Zusammenfügen der Einzelbilder machten wir die positiv überraschende Entdeckung, dass das Puzzle die richtige Form ist, um eine Synthese von gestalterischer Ordnung und individueller Freiheit zu schaffen. Die Ausrichtung an das vorgegebene Motiv und seinen Formen war der feste Rahmen, innerhalb dessen sich die einzelnen Ideen der malerischen Umsetzung völlig frei „austoben“ konnten. Selbst schreiende Farbkontraste können aus dem Zusammenhalt nicht ausbrechen. Je mehr sich eine einzelne Farbkonzeptionen von anderen abheben, desto deutlicher tritt das begrenzende Raster hervor. So ist bei aller Individualität durch das Quadratformat und das sich daraus ergebene Raster im Gesamten immer eine ordnende Vereinheitlichung garantiert.

Das Projekt ist insgesamt bei allen Beteiligten sehr gut angekommen. Die Ergebnisse haben sie ausnahmslos mit Stolz erfüllt, obwohl das eigene Werk nicht mit nachhause genommen werden konnte. Als erfolgversprechend generell in der Projektarbeit zu nennen ist einmal die Ausrichtung an einem Gemeinschaftswerk, bei dem sich Schülerinnen untereinander absprechen können, wobei die individuelle Leistung trotzdem noch deutlich sichtbar bleibt.
Nicht zu unterschätzen ist zweitens die Frage des Materials: auf echter Leinwand mit leuchtender Acrylfarbe zu malen statt immer nur den guten alten Pelikan-Wasserfarbkasten und den Schulzeichenblock zu benutzen bekommt gleich den Touch des Edlen und Ausgewählten und bringt mehr Spaß am Malen.

Als nachteilig ist anzusehen, dass die Eigenständigkeit in der Bildfindung sehr begrenzt ist, da man sich nur an vorgegebene Flächen hält. Andererseits wird das Augenmerk gerade dadurch auf Farbe und Pinselstrich gelenkt, die bis in ihre Extremen ausgelotet werden können, was letztlich das Malen interessant und absolut nicht langweilig macht.

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