Autorin Dagmar Scherf räumte bei einer Lesung in der Ernst-Reuter-Schule 1 Vorurteile aus
NORDWESTSTADT (jch.). Eines der gängigen Vorurteile über die Hexenverfolgungen ist, daß nur Frauen zu den Opfern zählten. Doch die Schriftstellerin Dagmar Scherf tritt diesem und ähnlichen Irrtümmern entgegen. ,,Besonders wichtig ist mir bei diesem Thema die Aufklärung; denn hierzu gibt es sehr viele Vorurteile", sagte sie zu den Schülerinnen und Schülern der Klasse 11 f der Ernst-Reuter-Schule 1. Die Lesung zum Thema ,,Hexenverfolgung" fand im Rahmen des fächerübergreifenden Unterrichtsprojekts ,,Renaissance - Humanismus - Hexenverfolgung" der Klasse 11f statt. Am Projekt beteiligen sich die ,,Kernfächer" Geschichte, Gemeinschaftskunde und Deutsch, aber auch Naturwissenschaften, Kunst und Musik. Frau Scherf machte darauf aufmerksam, daß 10 bis 15 Prozent der als ,,Hexen" Verbrannten Männer waren. Sie erinnerte auch an den vielleicht größten Irrtum in bezug auf die Hexenverfolgung: ,,Hexenverfolgung fand nicht im Mittelalter statt." Die Hexenjagd war eher ein Phänomen der Neuzeit und hatte zwischen 1550 und 1650 ihren Höhepunkt: Pest, Hungersnöte und Kriege plagten die Bevölkerung. Da waren Sündenböcke höchst willkommen. Aber auch andere Vorurteile und Irrtümer halten sich trotz anderslautender Tatsachen. So waren die weiblichen Opfer nicht nur Heilkundige und Hebammen, wenngleich diese Frauengruppe besonders gefährdet war - eine lästige Konkurrenz für die aufkommende, männerdominierte moderne Medizin. Es stimmt auch nicht, daß die „Hexen" anderen religiösen Gruppen angehörten. Die meisten Opfer der Hexenverfolgungen waren brave Christinnen. Es ist zuletzt auch unwahr, daß nur die katholische Kirche darauf aus war, Hexen zu verbrennen. ,,Hexenverfolgung fand nicht nur in katholischen Regionen statt", betonte die promovierte Germanistin. Dagmar Scherf will nicht nur Fakten über die Hexenverbrennungen bekanntgeben, sie möchte auch Betroffenheit erzeugen und durchaus einige Parallelen zur heutigen Zeit aufzeigen: ,,Die Sündenbockstrategie existiert auch noch heute. Mal waren es die Hexen, dann die Juden, heute sind es die - Ausländer". Immer wenn Katastrophen die Menschen heim suchten, seien diese gern bereit, ,,Schuldige" zu suchen. Doch trotz des Engagements der Schriftstellerin zeigten sich die Oberstufenschüler kaum betroffen vom Schicksal der ,,Hexentochter Kunigunde" das von Frau Scherf nacherzählt wurde. Die Schriftstellerin faßte die Fakten zusammen, die sie einer alten Chronik: entnommen hatte, versuchte aber gleichzeitig hinter die verbürgten Tatsachen zu blicken, um sich und ihren Zuhörern eine Reihe von unerhörten Begebenheiten zu erklären. So hatte in den 50er Jahren des 17.-Jahrhunderts die etwas überschäumende Phantasie eines fünfjährigen Mädchens verheerende Folgen für das hessische Dorf Seulberg. Ihre Berichte über die Hexenkünste der Hausnachbarin lösten eine Kette von Verdächtigungen und Denunziationen aus, denen zahlreiche Menschen zum Opfer fielen - auch Kunigundes Mutter, ,,die schwarze Krain", die wahrscheinlich aufgrund ihrer relativ dunklen Haare und Haut auffällig, also verdächtig war. Und war erst die Mutter als Hexe verbrannt worden, so mußten sich die Augen früher oder später auf die Tochter richten. So wurde die 15jährige am 19. April 1654 hingerichtet. Am Ende der Lesung hatten die Schüler der Klasse 11f noch die Möglichkeit, Fragen zu stellen, wobei sie sich für das soziale Muster bei den Opfern und für die Frage nach möglichem Widerstand interessiert haben. Die ,,Hexen" gehörten m der Regel der Mittelschicht an. Wurden sozial ,anerkannte Persönlichkeiten denunziert, wurde dies von den zuständigen Behörden schlicht übersehen. Bei der Unterschicht, wiederum konnte nach einer eventuellen Hinrichtung nichts Wertvolles konfisziert werden. Was den Widerstand betrifft, waren die Frauen der Renaissance und des Barock noch nicht in der Lage,. selbst Widerstand zu organisieren; nur ein paar wackere Männer wandten sich gegen diese unsinnigen und menschenverachtenden Sitten.
Frankfurter Rundschau, 13.2.97