SCHMALE, ausdrucksstarke Lippen, eine kräftige Nase, ein wachsamer Blick, gut geformte Hände: das Bildnis des Frankfurter Patriziers Jacob Stralenberger signalisiert Stolz und Selbstbewußtsein, Tatkraft und Besonnenheit. Mit aufmerksamer Gelassenheit wendet sich der Porträtierte in herrschaftlicher Haltung dem Bildbetrachter zu: seine körperliche Präsenz verblüfft. Herausmodelliert hat sie Martin Caldenbach, der Hess genannt wurde und als der bedeutendste Maler der Dürerzeit gilt. Der Dürer-Duktus ist denn auch in diesem Gemälde, das dem Städel gehört und am Sonntag um 11 Uhr von Bodo Brinkmann als Bild des Monats" vorgestellt wird, nicht zu übersehen. Es kann dem berühmten, im Jahre 1500 entstandenen Selbstbildnis des Nürnbergers, das in Münchens Alter Pinakothek zu betrachten ist, an die Seite gestellt werden. Frisur und Gesichtsausdruck, Kleidung und Pose sind verwandt. Während sich aber Dürer in strenger Frontalschau und mit bezeichnendem Handgestus in die ikonographischen Gefilde von Christusdarstellungen begibt, ist das 1506 gemalte Konterfei Stralenbergers die Darstellung von Selbstwertgefühl und Standesbewußtsein in einer Weit, die sich der allmählichen Säkularisierung stellt. Das Wirken des Künstlers Caldenbach, den Dürer selbst schätzte, der jedoch inzwischen in Vergessenheit geraten ist, erhellen Funde in Frankfurter Archiven. Brinkmann wird auch sie bei seiner Führung am kommenden Sonntag erläutern.
